Alltagsgeschichten

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Frau T. aus T.

Irgendjemand hatte Frau T. gesagt: Dann geh halt zur Kirche. Da saß sie nun. Und ihr gegenüber ich als Vertreter der Kirchengemeinde. Sie schaute mehr auf ihre Hände als mir in die Augen. Was sie zu erzählen hatte, erzählt sich nicht so leicht. Tschetschenien. Ihr Mann hatte sich mit den falschen Leuten eingelassen. Erschossen. Ihre Wohnung wurde zum Frontgebiet, ihre Familie immer wieder zum Ziel von Überfällen. Und sie als junge Frau? Ihr Blick bleibt auf ihre Hände gerichtet. Schweigen. Tage darauf hatte der Kirchenvorstand über das mögliche Kirchenasyl für Frau T. zu entscheiden. Aber darf man ihrer Geschichte Glauben schenken? Wie gelang ihr die Flucht mit drei Kindern? Ist ihre Angst vor einer Verfolgung durch den tschetschenischen Geheimdienst bis nach Deutschland nicht absurd? Ist sie deshalb nicht in Polen geblieben, wo sie nach EU-Recht hätte bleiben müssen und wohin ihr die Abschiebung jetzt droht? Und überhaupt: Dürfen wir entgegen dem geltenden Asylrecht ein Recht auf Kirchenasyl beanspruchen?

Die Entscheidung für eine Aufnahme von Frau T. in unseren kirchlichen Räumen fiel mit Gegenstimmen. Ein Einzug in die kirchliche Obhut blieb dann jedoch aus. Die Abschiebung konnte im letzten Moment abgewendet werden. Noch heute treffe ich sie manchmal in der Stadt. Ihr Blick ist immer noch auf ihre Hände gerichtet.

Von Jürgen Schilling

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Publikationsdatum dieser Seite: Dienstag, 9. August 2016 12:06