Alltagsgeschichten

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"Und alsbald krähte der Hahn"

Einsammeln, bewahren, loslassen:
Gott aufheben - dreimal

"Tasse Kaffee?", fragt der Leutnant.
"Nein, danke", höre ich mich sagen, "nicht von Ihnen!"
"Keine Angst, ist schon nichts drin", sagt er.
"Zigarette?"
Er hält die Schachtel über den Tisch.
"Nein, danke", sage ich.
Aber meine Hand ist schneller und nimmt eine. Der erste Zug geht bis in die Zehen. Auf der Hälfte mache ich aus.
"Was ist?", fragt der Leutnant.
Der Hahn könnte sich tot krähen, denke ich und sage nur: "Falsche Sorte."
Er zieht die Vorhänge zurück. Die Morgenröte hat ein eisernes Muster.

Einsammeln

Berlin schläft fest unter dem Regen. Die Pfützen sammeln Straßenlaternen. "Jürgen Fuchs ist tot", stand in der Zeitung, "der Schriftsteller und DDR-Bürgerrechtler erlag mit 48 Jahren einem seltenen Krebsleiden." Ausgerechnet ich soll ihn beerdigen.

Der gleiche Krebs wie bei Bahro und Pannach. Gleiche Zeit, gleicher Knast: Hohenschönhausen: Lange Wartezeiten auf dem Drehstuhl bei den Fototerminen. Übelkeit, plötzliches Erbrechen beim Treppensteigen danach. "Ihre Zeit steht in unseren Händen", hatte der Vernehmer gesagt.

Jugendliche haben angerufen, wollen Ort und Zeit wissen. Er hatte sie von der Straße geholt, Gottes Zeit eingesammelt für diese traurigen und weggedrückten Stiefkinder des Lebens, vor allem Drogensüchtige.

Kälte, Gewalt, Angst und Fremde. Er musste sich nicht verstellen. Er wusste, wie weh das tut. Für das meiste fand er ein Wort.

Mariendorf, Heidefriedhof. Morgen früh um elf weinen die Engel im Himmel sich Gott aus den Augen. Falls der Wetterbericht stimmt. Jetzt schreien schon die Pflastersteine. Ich muss Worte einsammeln. Psalm 139: "Finsternis ist wie das Licht."

Der Hahn gibt keine Ruhe.

Bewahren

Sein alter Vater versucht, gefasst zu sein. Seine Mutter ist taubstumm vor Kummer. Lilo, seine Frau, ist tagsüber tapfer. Die Kinder gehen auf Zehenspitzen. Trostlos schweigen wir uns an. Auf dem Heimweg fangen die Pflastersteine an zu schreien. Der Hahn kann sich ausruhen. Ich laufe kilometerweit in die Nacht. Nur Gott komme ich keinen Schritt näher.

Neun Monate war er in Hohenschönhausen. Landschaften der Lüge, wütende Vernehmer, endlose Verhöre, Abgründe des Verrats. Tag für Tag auf Du und Du mit dem Zellenspitzel. Rücken an Rücken unter der lauwarmen Dusche, Kopf an Kopf unter dem rostigen Maschendraht im Freistundenkäfig. Auge in Auge unter dem Hundertwattgespenst. Zellenkrieg. 5. Mose 28, 23: "Der Himmel über dir wird zu Erz, der Boden unter deinen Füßen zu Eisen." Da sind ihm die meisten Worte erschrocken. Bis zuletzt sammelte er Freunde aus den Aktenbergen.

Jetzt schreit selbst der Hahn zum Himmel.

Loslassen

Schauerliche Trauerhalle. Die Sargträger haben Schirmmützen wie Busfahrer.

Der Regierende Bürgermeister hat einen riesigen Kranz geschickt. Es gibt kein einziges Gesangbuch. Wolf Biermann singt. Am offenen Grab läuft mir der halbe Himmel übers Gesicht. Mir und der Familie und fünfhundert Leuten und fünfzig Fotographen. "Sein Tod ist nicht gottgewollt, sondern menschengemacht!", soll ich gesagt haben, das steht in der Zeitung. Der Hahn ist verstummt. Gott sei Dank war Gott also doch da.

Von Matthias Storck

Material

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Publikationsdatum dieser Seite: Dienstag, 9. August 2016 12:06